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Das hingehauchte »Comandante« – Linke Lieder, hinübergerettet ins Jetzt.

überschrieb Raoul Wilster eine bemerkenswerte Besprechung unserer neuen CD Avanti Popolo 3 für das Feuilleton der linken Tagszeitung „junge welt”  am 11.11. 2019


» Jegliches hat seine Zeit. 1965 verließ Ernesto »Che« Guevara Havanna für immer. In seinem Abschiedsbrief an Fidel Castro schrieb er: »Andere Gegenden der Welt verlangen die Unterstützung meiner bescheidenen Kräfte.« Carlos Puebla, der als Vater der »Nueva Trova« gilt, widmete dem Revolutionär einen Gesang der besonderen Art: »Hasta siempre« (Bis in die Ewigkeit), ein poetisches Liebeslied. Es wurde im Laufe der Jahrzehnte und Umbrüche zu einem klassisch kubanischen Folk-Evergreen – niemals vergessen, dieses hingehauchte »Comandante Che Guevara«, immer noch mitsingbar, mit Wehmut oder Trotz und womöglich etwas zu sentimental für eine Epoche, in der historischer Optimismus realpolitischem Pragmatismus gewichen zu sein scheint.
Die ins Moll gekippte Tango-Version der Band Ewo2 handelt eben davon: Sie verstärkt die Traurigkeit Pueblas und trägt so den Song ins Jetzt. Dessen zeitgemäßer, emotional aufgeladener Pragmatismus lässt eine freundlich-melodiöse Nachdenklichkeit aufkommen, die alten Wahrheiten Flügel verleihen könnte. So gestaltet zuvorderst der Knopfakkordeonist Laurent Leroi im rauhen Stakkato argentinisch-musikalischer Strenge das »Hasta Siempre!« als Komparativ für heute. Den Träumen von einer besseren Welt öffnen sich neue Räume.


Mit den zwölf Liedern auf ihrer dritten CD der Serie »Avanti Popolo«, gelingt es dem Ewo2-Trio aus Bernd Köhler (Gesang, Gitarre), Leroi und dem filigranen Geiger Joachim Romeis durchweg, politisches Liedgut hinüberzuretten in die Gegenwart. Sich erinnern kann in Sehnsüchten schlummernde Energien wecken. Der grade Blick auf die eigene Biographie kann dabei helfen, die Logik des Durchhaltens als »Linker Vogel, schräger Kauz«, so der Titel des ersten Stücks (Text und Musik: Bernd Köhler), das einen Helden des aufrechten Gangs beschreibt – in Degenhardtscher Manier inklusive Duktus und Schlaggitarrenspiel herzerfrischend durch die Wirren der Zeit, trotz der langen, dürren Jahrzehnte mit vielen »Stiefeltritten, Schlägen, allem Gram« (Hannes Wader), mit Ho Chi Minh und einem »Vogel im Kopf« (Gerhard Gundermann).


Der alles andere als pflegeleichte Typ wird zum Vorbild für eine vielleicht noch am besten ertragbare Lebensweise, denn das Wichtigste, die Quintessenz sozusagen, kommt zum Schluss, bevor das Lied mit einer Sinti-Geige nach Schnuckenack-Reinhardt-Art ausklingt: »Und bist der geblieben, der du bist.« Das unverzichtbare Credo, mit dem dem giftigen Sog des Opportunismus, den das pluralistisch-beliebige Mediensystem unserer Zeit zur Perfektion gebracht hat, eventuell sogar widerstanden werden kann. Von 1988 stammt der Text, verdammt lang her, als schon alles den Bach runterging und kaum jemand es recht wahrhaben wollte.


Damit leben wir also. Als im Gefolge der 68er die Arbeiterlieder entdeckt wurden, erlangte Köhler als Liedermacher »Schlauch« einige Bekanntheit. Die musikalisch-dialektische Retrospektive trug Zukunft in sich. Das blieb nicht so, und Köhler machte sich vor nun 20 Jahren gemeinsam mit dem Gitarristen Hans Reffert und der synthie-orchestralen Soundtüftlerin Christiane Schmied als kleines elektronisches Weltorchester im Quadrat (Ewo2) auf den Weg, hörbare »Einblicke in die Topographie widerständiger und aufklärerischer Kunst und Kultur« zu schaffen.


Inzwischen hat sich das Ensemble verändert und die Musik auch. Reffert verstarb vor fünf Jahren, sein Tod riss »eine brutale Schneise« auch in die Produktivität der Gruppe – das auf der CD veröffentlichte, 2009 entstandene Arrangement des Textes »Die Herren der Welt« von Erich Weinert vermittelt einen Eindruck. Widerstand ist auch Resultat von Leid, und das 1971 durch José Filiciano weltberühmt gewordene »Che sarà« wirkt in seiner Melancholie tief wie kaum zuvor. Es macht die anhaltende Verelendung des Trikont erspürbar; wie die verzweifelte Mahnung des jüdisch-polnischen Dichters Mordechaj Gebirtig »S’brent« erahnbar; wie Theodor Kramers »Andre, die das Land so sehr nicht liebten« prophetisch. Für die Brisanz all dessen stehen hierzulande die Übergriffe auf Flüchtlinge, Ausländer und Juden, in Übersee irgendwelche Proud boys oder prügelnde Cops im Anhang Trumps und der Sklavenhalter.


Ewo2 singen auch von der Gedächtnislosigkeit: Im Jahrhundert vor der Weltwirtschaftskrise 1929 verließen etwa 5,3 Millionen Auswanderer Deutschland – heute würden sie abfällig »Wirtschaftsflüchtlinge« genannt werden. Das traurig-schöne »Ein stolzes Schiff« des Hamburger Arbeiterdichters Hans Schacht nahm das Trio nach den rassistischen Angriffen 2015 ins Programm – eine kontemporäre Wiederentdeckung des von Zeitenbrüchen Verschütteten.


1944 dichtete Bertolt Brecht: »Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne / Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.« Damals hatte er recht. «


 

 

„Mannheimer Morgen” vom 4. Januar 2021


Mannheimer Morgen 4. Januar 2021